Ich spiele ganz gerne hin und wieder Schach. Das ist ein komplexes Spiel, welches im Grunde davon lebt, dass ein Mensch normalerweise nicht willens ist, jede einzelne Handlungsoption bis ganz zu Ende zu denken - und deshalb auch Fehler macht. In der Natur, in unserem angestammten Habitat, war das über dreieinhalb Jahrmilliarden auch der bessere Weg: Alles zu Ende zu denken hätte zu unakzeptabel hohen Reaktionszeiten geführt, und damit zu einem raschen Ende des Organismus. Ab irgend einem Punkt ist es wichtiger, überhaupt zu reagieren, als nun unbedingt bis ins Letzte ausgeklügelt optimal. Beim Schach allerdings hat man unendlich viel Zeit, wenn man nicht gerade mit Uhr spielt; und selbst dann ist die verfügare Zeit pro Zug für "Wildbahn-Verhältnisse" astronomisch. Trotzdem kommt man beim Überlegen im Schach irgendwann (meist recht bald) zu einem Punkt, an dem man der Meinung ist, dass dieser oder jener Zug genau das Optimum unter den verfügbaren Optionen sei.
Jeder, der schon mal gegen ein einfaches, kostenloses Computer-Schachprogramm auf maximalem Schwierigkeitsgrad gespielt hat, wird bestätigen können, dass diese Überzeugung immer zu kurz gedacht bleibt. Tatsächlich kann ein Mensch gegen einen Schachcomputer heutzutage nicht mehr gewinnen. Der Schachcomputer findet
immer die bessere Lösung, sofern er mindestens genau so viel Zeit zur Verfügung hat wie der Mensch. Computerprogramme sind einfach besser fürs Schachspielen geeignet als ein menschliches Gehirn.
Computerspielhersteller wissen das. Darum sind heutige KI-Computerspielgegner oft selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad, sagen wir mal, nicht wirklich zu Ende entwickelt: Es würde die Spieler schlicht frustrieren, wenn sie immer nur verlieren, und das würde fürden Hersteller des Spiels bedeuten, viel Geld auszugeben, damit das Spiel dem Käufer
weniger gefällt. Folglich tun sie das auch nur selten.
Was für Spiele gilt, gilt auch für das wahre Leben: Computer könnten viele Dinge heute schon wesentlich besser als ein Mensch, wenn da nicht ein kleines Hindernis wäre: Sie haben (derzeit) Schwierigkeiten mit dem Erkennen von Mustern. KI-Programme bei Schach und beliebigen Computerspielen sind heute weitgehend darauf angewiesen, ihre Eingaben in einer mathematischen Form zu erhalten, die sie unmittelbar verstehen und verarbeiten können. Darin sind Menschen und Tiere noch besser. Darum beschränken sich überlegene KIs derzeit noch auf Computerspiele, also auf abgegrenzte, mathematisch beschreibbare Räume im Virtuellen.
Aber das ist zwangsläufig nur eine Frage der Zeit, und diesem Problem wird sich auch mit großer Entschlossenheit gewidmet. Egal, ob IBM,
einen Chip herausbringt, der in seiner Funktionsweise ein menschliches Gehirn herausbringt, oder ob Apple in der Woche des Todes seines Gründers
ankündigt, dass das nächste IPhone eine kleine künstliche Intelligenz enthalten werde, die als Ratgeber, Sekretärin und was noch alles kommen mag funktioniert (das Ding kann Spracherkennung; dann kann es in absehbarer Zeit auch brauchbar dolmetschen): Die Mustererkennung der Software unserer Zeit wird immer besser.
Es wird also (und ich vermute, bald) der Punkt kommen, an dem Computerprogramme mit Menschen in der Mustererkennung gleich ziehen. Ab diesem Punkt wird ein Computer eine
beliebige Aufgabe ebenso gut wie (und besser als, siehe das Eingangsbeispiel zum Thema Schach) ein Mensch erledigen können, sofern er einmal dazu programmiert bzw. instruiert wurde. Der Unterschied ist bloß: Der Computer ist billiger zu
kaufen als ein qualifizierter Mensch im Monat an Miete kostet.
Was das für den Arbeitsmarkt heisst, sollte sofort ins Auge springen: Eine gewisse Schule von Ökonomen ist zwar fest im Glauben, dass
jedwede Innovation der Automationstechnik letztendlich nur Arbeitskräfte für andere, neue Tätigkeitsfelder befreit, aber ob diesen klar ist, was es heisst, wenn diese anderen, neuen Tätigkeitsfelder ebenfalls
sofort voll automatisiert werden können? Wenn sogar Forschung und Entwicklung, ja selbst das Schreiben neuer Computerprogramme von Computerprogrammen übernommen werden kann?
Das birgt gewaltige Chancen, aber eben auch gesellschaftliche Probleme, die wir werden lössen müssen. Oder werden wir dazu auch ein Computerprogramm auswählen, das dann die optimale Lösung findet?